Barbara WOLF - WICHA Politik - Wissenschaft - Kunst
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Herausgeberin: MARIE JAHODA SOZIALWISSENSCHAFTLICHE STUDIEN

(Peter Lang, Internationaler Verlag der Wissenschaften,
Frankfurt a.M., Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien)
www.peterlang.com

Ich hatte das große Glück und die Ehre, die Sozialwissenschafterin Marie Jahoda (1907 - 2001) noch persönlich kennenzulernen. Im Juni 1985 durfte ich sie im ORF-Landesstudio Salzburg in der Reihe der "ZeitzeugInnen" vorstellen. Als 2007/8 der Peter Lang-Verlag bzw. das Wiener Büro an mich herangetreten war, ob ich eine sozialwissenschaftliche Reihe herausgeben wollte und mich um einen Vorschlag für einen Namen der Reihe bat, war für mich Marie Jahoda als Namensgeberin sofort präsent.

Ein besonderer Tipp für Ausflugsfahrten: Besuchen Sie doch Marienthal und das Museum - es lohnt sich (siehe weiter unten)!

Die am 26.1.1907 in Wien geborene Sozialpsychologin und überzeugte Sozialdemokratin lebte und wirkte bis zu ihrer Verhaftung (1936 - wegen "illegaler Tätigkeit" für die sozialistische Bewegung) und Ausweisung aus Österreich mit Aberkennung der Staatsbürgerschaft (Juli 1937) in Wien. In diese Zeit fielen ihr Studium der Psychologie, die Eheschließung mit Paul F. Lazarsfeld (von 1926 bis 1934), die Tätigkeit als wissenschaftliche Leiterin der "Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle" und ihre Mitarbeit an der Studie, die bis heute an Sprengkraft nichts verloren hat: "Die Arbeitslosen von Marienthal", in der es um die Situation der Menschen in der Arbeiterkolonie nach der Stilllegung der Textilfabrik 1930 geht. Die Leitung des Projektteams hatte Paul F. Lazarsfeld inne, die Feldforschung wurde überwiegend von Lotte Schenk-Danzinger durchgeführt, Marie Jahoda schrieb den Hauptteil des Textes, Hans Zeisel verfasste den Anhang "Zur Geschichte der Soziographie". Am Projekt waren 17 Personen beteiligt - erstmals veröffentlicht wurde die Studie 1933.

Die zentralen MitarbeiterInnen an der Studie: Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld, Hans Zeisel, Lotte Schenk-Danzinger (Foto aus der Ausstellung im Museum Marienthal)

Die Jahre 1937 bis 1945 verbrachte Marie Jahoda als Staatenlose im Exil in Großbritannien. Auch da war das Thema der Arbeitslosigkeit für sie ein wichtiges - beispielswiese mit der Untersuchung eines Selbsthilfeprojekts arbeitsloser Bergleute im südwalisischen Eastern Valley, "Unemployed men at work: a socio-psycholocigal studiy of the substistence production experiment in the Eastern Valley of Mommouthshire" (1938). In ihrer Zeit an der Universtät Cambridge verfasste sie die Studie über "Socio-Psychological Problems of Factory Life" (1941). Nach London übersiedelt, arbeitete Jahoda als Assistant Editor beim "War-time Social Survey", war aber auch Redakteurin und Sprecherin beim Geheimsender "Radio Rotes Wien". Von 1942 bis 1943 kam ihre Stimme täglich 20 aufregende Minuten lang über den Äther nach Österreich. Als sie dann allerdings während der Nachrichten für die Unabhängigkeit Indiens plädiert hatte, war das für die Briten doch zu viel. 1943 begann ihre Mitarbeit beim National Institute of Social and Economic Research in London.

Die Jahre 1945 bis 1958 verlebte Marie Jahoda in den USA, zunächst in Detroit, dann seit 1947 in New York. In diese Zeit fielen ihre Zusammenarbeit mit Max Horkheimer, Stuart W. Cook und Robert K. Merton. 1949 wurde sie Associate, dann Full Professor of Psychology an der New York University. Während des Sabbatical Years lernte sie ihren späteren zweiten Ehemann, Austen Albu, kennen.

Seit 1958 und der Eheschließung mit dem Labour-Abgeordneten Albu lebte die international hochangesehene Forscherin wieder in Großbritannien, erst in London, dann bis zu ihrem Tod 2001 in Keymer, Sussex. Ihr verdanken die Universitäten Uxbridge die Errichtung des Departments of Psychology and Social Science und die Universität Sussex das erste Department of Social Psychology in Großbritannien. Aber auch nach ihrer Emeritierung 1973 war Marie Jahoda in der Forschung und Lehre aktiv. Sie starb am 28.4.2001 in Keymer, Sussex.

Warum stelle ich die Biographie der Namensgeberin der Reihe, Marie Jahoda, hier vor?
Marie Jahoda gilt als eine der Wegbereiterinnen der qualitativen empirischen Forschung, allerdings hat sie akademische Wertschätzung vor allem im angelsächsischen Raum erfahren. Erst  1993 erhielt sie das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich und den Preis der Stadt Wien für Geistes- und Sozialwissenschaften! 1998 erhielt sie die Ehrendoktorate der Universitäten Linz und Wien, posthum wurde im Wiener 16. Bezirk eine zweisprachige Volksschule nach ihr benannt. 2002 wurde ihr eine Gedenktafel in der Marktgemeinde Gramatneusiedl gewidmet und am 1. Oktober 2010 wurde der Platz vor dem Gemeindezentrum in Marie Jahoda Platz umbenannt. Ein wichtiger Beitrag zur Bekanntmachung der Hintergründe der Siedlung Marienthal ist der Film von Karin Brandauer (Drehbuchautorin Heide Kouba) "Einstweilen wird es Mittag" (2010 als DVD erschienen).

Gedenktafel, enthüllt am 21. September 2002 am ehemaligen Arbeiterwohnhaus Hauptstraße 52

Ihr Schicksal und ihre Forschungen sind für mich Programm der Reihe: das Leben in verschiedenen Identitäten - als Österreicherin, als Staatenlose, Amerikanerin und zuletzt Britin -, das Bewältigen verschiedener einschneidender Erlebnisse und der Widersprüchlichkeiten der Ersten Republik, ihr Kampf gegen Ressentiments, Rassismus und Antisemitismus, ihr Eintreten für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit, der Einsatz sozialwissenschaftlicher Forschungsmethoden und das stetige Kreisen ihrer Forschung um das Thema Arbeit und Arbeitslosigkeit. Gerade das ist für unsere Gegenwart ein zentrales Thema. Sie betonte, dass nicht das Geldverdienen und die Bewältigung materieller Not den Stellenwert von Arbeit ausmacht. Es ist die gesellschaftspolitische Komponente, das Durchbrechen der sozialen Isolation. Für Männer wie Frauen und für junge Menschen sei der Zugang zur Arbeit besonders wichtig - und machbar: "Ich sehe keine Knappheit an Arbeit, denn der 8-Stunden-Tag ist nicht gottgegeben. Ihn wird es im 21. Jahrhundert nur für große Wissenschafter und Künstler geben, für die anderen wird er nur eine bittere Erinnerung sein". Ihr Plädoyer: kürzere Arbeitszeiten für alle als Ausdruck - nicht Lippenbekenntnis - von Solidarität, um dem Mitmenschen die Erfahrung zu ersparen, seine Gegenwart als sinnlos zu erleben. Zurecht bezeichnete sie der Sozialwissenschafter Christian Fleck als Wissenschafterin der sozialen Gerechtigkeit!

Ich hoffe, dass die von mir ausgewählten Publikationen für diese Reihe viel von dem Denken Marie Jahodas spiegeln.

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